Außer Konkurrenz – eine Kurzgeschichte

Schon eine Weile träumte ich davon, mich mal an einer Kurzgeschichte zu versuchen. Es wurde auch einiges an Papier und an Online-Formularen beschrieben, aber immer wieder verworfen. Nicht, das ich keine Ideen gehabt hätte, aber irgendwas passte mir immer nicht in den Kram.

Nun ergab es sich, dass Seppo seine „Mannen“ aufrief, sich in Runde 3 um Erringen der #sba2016 Krone dem Schreiben eines Textes zu widmen. Lediglich ein paar Dinge mussten dabei Beachtung finden:

Man solle folgendes in den Koffer, Rucksack, Jutebeutel… packen und darum eine Geschichte tippen.

  • einen Nasenhaartrimmer
  • eine Duftkerze
  • eine Tür
  • einen „H&M“-Katalog
  • einen Zylinder
  • einen Volleyball-Schläger
  • eine Landkarte von Tasmanien
  • ein geheimnisvolles Kästchen + Inhalt
  • einen weiteren Gegenstand – Fotoapparat mit Stativ bei mir

Die weitere Anweisung lautete wie folgt:

An jenem Ort trefft Ihr nun eine Person. Eurer Wahl. Es können Menschen aus Eurem Leben sein, aber auch zeitgeschichtliche Persönlichkeiten. Menschen auf jeden Fall, denen Ihr etwas zu sagen habt. Sprecht mit Ihnen! Bei mir wäre es wohl Adolf Hitler. Ihr habt da freie Auswahl. Es gibt sehr viele Menschen. Und es gab noch mehr.

Übergebt diesem Menschen nun den Gegenstand aus dem geheimnisvollen Kästchen. Und sagt ihm, warum er diesen Gegenstand verdient hat.

Alles sich daraus Ergebende ist Eurer Phantasie überlassen. Verabschiedet die Person oder beginnt ein neues Leben mit ihr an jenem Ort oder was auch immer. Denn auch darum geht es beim Schreiben: um das Ausleben dessen, was im Kopf geschieht.

Ich mache zwar gar nicht um den Kampf der Krone mit, fand die Idee aber als Einstieg in die schriftstellerischen Unfähigkeiten meinerseits gar nicht schlecht und deshalb mache ich außer Konkurrenz einfach mit.

Viel Spaß mit meiner Geschichte 🙂

Nun stand ich da mit Blick auf den Wombat Pool, jenen stillen, tiefdunkeltrüben Teich eines nicht näher zu spezifizierenden Brauntons irgendwo zwischen Bernstein und Marsocker, mitten im tasmanischen Cradle Mountain. Was hatte mich hierher an den Rand der Welt verschlagen? Hätte ich im Kapitel 43, jenem Buchladen in Bahnhofsnähe, nicht zufällig nach der Landkarte von Tasmanien gegriffen, wer weiß, wo ich nun stehen würde?

Mein Blick schweifte über die Berge, Seen und die mit Flechten bewachsene Umgebung. Nur den Tagesrucksack hatte ich für heute gepackt. Es sollte eine kleine Bergtour der gemütlichen Art werden. Die wichtigsten Gegenstände – auch für unvorhersehbare Notfälle – hatte ich eingepackt. Ich setzte mich auf einen abgerundeten Stein, packte meine Wasserflasche und mein belegtes Brötchen aus. Als ich gerade in jenes hineinbeißen wollte, sprach mich eine mir irgendwie vertraute Stimme von rechts hinten an.

„Kannst du  mir mal sagen, was du hier machst? Du hast hier gar nicht verloren. Immer diese Touristen. Noch schlimmer: die Reiseblogger. Könnt ihr nicht zu Hause bleiben und über euren langweiligen Heimatort schreiben? Muss es gleich die Reise um die halbe Welt sein? Wie schön waren die Zeiten, als Tasmaniens Berge noch uns allein gehörte. Heutzutage meint jeder, er müsse den Overland Track laufen. Und dann noch nicht einmal mit der entsprechenden Ausrüstung versorgt sein. Denkst du, du kommst weit mit dem Ding da?“, sagte mit einem unüberhörbar verächtlichen Unterton Nancy Blackwood.

Nancy, die entfernte Cousine der berühmten Nobelpreisträgerin Elizabeth „Liz“ Blackwood, die in Hobart geboren wurde und später in die USA übersiedelte. Telemerforschung war ihr Steckenpferd. Leider konnte sich mir das Fachgebiet bisher nicht erschließen. Ihr Ruf jedoch war und ist legendär.

Und Nancy galt als das schwarze Schaf der Blackwoods. Geboren in Swansea an der Ostküste, setzte sie schon im Vorschulalter ihren Sturkopf ein und machte sich dadurch nicht gerade beliebt. Ihr erster Tag im Kindergarten, so erzählt man sich, beschwerte ihr einen treuen Freund, aber auch eine Menge Feinde. Besonders unter den Erzieherinnen.

Ralph, ein fünfjähriger, groß und stabil gewachsener Bub, stand damals vor der Eingangstür als Nancy begleitet durch ihren Vater diese durchschreiten wollte. Die Arme in die Hüften gestemmt soll Ralph zu ihr gesagt haben: „Winzlinge wie du kommen hier nicht rein. Wer bist’n du überhaupt?“ Ohne Vorwarnung verpasste Nancy im eine Backpfeife, die noch Stunden später sichtbar war und schrie ihn an: „Wer hier nicht reinkommt bestimme ich ab heute. Da ich dich mag, darfst du aber mitkommen und mir alles zeigen,“ setzte sie gönnerhaft nach. Ralph war so perplex, dass er ihre linke Hand ergriff und mit ihr in die Gruppe ging. Den herbeigeeilten Damen blieb nur noch ein ungläubiger Blick und die Ermahnung an den Vater, er möge seine Tochter später noch zu Recht weisen.

Auch in der Pubertät war sie nicht gerade angepasst. Sie ritt ohne Sattel auf Pferden, verweigerte jegliche, weibliche Kleidungsstücke, übernachtete in Höhlen, wenn sie Streit mit ihren Eltern hatte und schmiss die Schule. Erst mit den Jahren wurde sie ruhiger und weniger rebellisch, holte ihr Abitur nach und machte eine Ausbildung.

Ich traf Nancy wie gesagt unweit des Wombat Pools. Ihr giftiger Ton schreckte mich nicht, wohl aber das funkeln in ihren Augen.

„Hallo. Ich bin eine Touristin, keine Frage, aber ich habe gar nicht vor den Track zu laufen. Dauert mir zu lange und in Hütten zu übernachten ist nicht meins. Zu wenig Komfort. Da bin ich Weichei. Ich werde Li genannt, weil man meinen Namen im Englischen schlecht aussprechen kann und wer bist du?“

Schon etwas sanftmütiger sagte sie: „Hey. Ich bin Nancy Blackwood. Vom Blackwood-Clan. Sagt dir doch sicher was, oder?“

„Hab davon gehört, aber ehrlich gesagt mache ich mir über jeden Menschen gerne ein eigenes Bild. Magst du einen Müsliriegel? Oder einen Schluck zu trinken?“

„Riegel ja. Trinken habe ich selbst dabei. Was machst du hier? Und was hast du alles in deinem Rucksack? Da schaut so ein komisches Schlägerende heraus, wie von einem Squashschläger. Ziemlich sinnlos auf einem Berg, findest du nicht?“, fragte Nancy nach.

„Ach weißt du, dass ist ein Volleyballschläger. Nun ja. Schon irgendwie sinnlos, wenn man es genau betrachtet.“, erklärte ich ihr, denn Volleyball ist ein Spiel, welches man – zumindest in Deutschland – mit Armen und Händen spielt. Deshalb hatte der Schläger auch keine Saiten. Ich hatte mir überlegt, dass man damit vielleicht des Nachts die Tasmanischen Teufel abwehren könne. Tiere, die normalerweise dem Menschen gegenüber friedlich gesonnen sind, aber sehr kräftige Kiefer haben und Knochen mit nur einem Biss in Mehl zermalmen können. Vor allem, wenn sie sich angegriffen fühlen.

„Was hast du noch da drin?“ „Einen H&M-Katalog. Eine Duftkerze. Einen Nasenhaartrimmer.“ Abrupt wurde ich unterbrochen und gefragt, warum ich nicht lieber 2 Liter Wasser, belegte Brötchen und Klopapier dabei hätte.

„Weißt du, den Katalog kriege ich alle 4 Wochen zugeschickt. Irgendwann vor 5 Jahren habe ich da mal was bestellt und seitdem überfluten die mich mit ihren Angeboten. Dabei kaufe ich gar nicht gerne online ein. Beziehungsweise gehe ich überhaupt nicht gerne shoppen, so wie andere Frauen. Ich dachte, das Heft könne mir dann als Klopapierersatz und Anzündhilfe für ein Grillfeuerchen gute Dienste leisten. Denn entsorgen würde ich es auf jeden Fall. Die Duftkerze ist nur dafür da, dass ich ein bisschen Licht habe und das Feuer in Schach halten kann. Denn ganz ehrlich: die Dinger stinken bis zum Mond. Ich weiß gar nicht, wer mir die geschenkt hat. Die kann man nur im Freien verwenden.“

Nancy forschte weiter, wozu ein Nasenhaartrimmer gut sein könne. Ich bat sie, mich zu begleiten. Wir wanderten Richtung Marion’s Lookout, einen beliebten Aussichtspunkt über den Dove Lake. Dafür muss man eine steile, treppenartige Struktur aus Felsen überwinden.

Ich sprach:“Hier bin ich das letzte Mal gescheitert. Siehst du diesen Felsvorsprung? Dort wo die Metallkette so nah an den Steinen angebracht ist? Ich stand da und hatte nur noch Angst. Ich hob mein Bein, aber es konnte sich nicht mehr vorwärts bewegen. Mit dem Nasenhaartrimmer kann man, wenn man die Sicherheitsabdeckung entfernt, den Felsen runter schleifen. Diesmal will ich da hoch.“

Ein kehliges Lachen entfleuchte meiner Wanderpartnerin. „Auf die Idee ist vor dir noch nie jemand gekommen. Aber viel Spaß dabei. Wird ein Weilchen dauern. Ein Tipp von mir: schaue nie voraus und nie zurück. Nur die Gegenwart zählt. Ich treffe dich morgen wieder und dann sagst du mir, ob du es geschafft hast.“

Noch lange hatte ich ihr zweifelndes Lachen im Ohr. Noch genoß ich die Sonne und den Ausblick und wartete darauf, dass der Strom der Wanderer nachlassen würde. Da täglich nur eine begrenzte Zahl den Track wandern darf und diese die nächste Unterkunft vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wollen, waren die Aussichten für den Spätnachmittag gut.

Sogleich machte ich mich an die Arbeit, schliff die Scherblätter immer wieder nach und schaffte es noch weit vor dem Sonnenuntergang, den Lookout zu erklimmen. Stolz erfüllte mich. Welch herrlicher, überragender Anblick! Ein Traum.

Ich setzte meinen Zylinder auf, lehnte mich an die rote Türe, die sich ebenfalls in meinem Rucksack befunden hatte, drapierte den Fotoapparat mit Stativ und machte mittels Selbstauslöser mehrere skurrile Bilder. Mit Tür. Ohne Tür. Mit Zylinder und ohne. Den Nasenhaartrimmer immer mit in die Kamera haltend, da er mir dies erst ermöglicht hatte. Spät machte ich mich auf den Rückweg, um im Chalet zu übernachten.

Am nächsten Morgen zog ich nach einem ausgiebigen Frühstück los. Obwohl wir keine genau Uhrzeit und keinen Treffpunkt verabredet hatten, zog es mich zum Crater Lake Circuit. Nachdem ich fast 2 Stunden gewandert war, stand Nancy plötzlich vor mir. Ich hatte sie weder kommen hören, noch gesehen.

„Na, hast du dein Ziel erreicht?“, fragte sie mich. „Magst du dir meine Fotos anschauen? Ich habe es tatsächlich geschafft.“ antwortete ich. Im Display der Digitalkamera sah sie sich interessiert meine Bilder an.

„Da schleppst du eine Tür, einen Zylinder und den ganzen anderen unnützen Plunder auf den Berg und das nur, weil irgendso ein Typ das vorgibt? So richtig normal ist das nicht. Aber, sag mal, auf deiner Liste steht noch ein geheimnisvolles Kästchen. Das hast du bisher mit keiner Silbe erwähnt. Hast du es überhaupt dabei?“, forderte sie mich zu einer Antwort heraus.

Wer bin ich, dass ich mich gegen die starren Regeln eines Überseppo auflehnen würde? Natürlich hatte ich jenes Kästchen dabei. Lange hatte ich überlegt, was ich darin verbergen solle. Letztlich hatte ich mich für das Naheliegendste entschieden.

„Weißt du, Nancy. Du hast das Kästchen verdient. Du hast mich weder ermuntert, weiter zu machen noch mir sinnvolle oder unsinnige Ratschläge gegeben. Du hast mich so genommen wie ich bin. Dein Tipp von gestern war Gold wert. Hier – es soll dir Glück bringen.“, sagte ich und reichte es ihr.

Stante pede drehte ich mich um und lies sie stehen. Ich hörte das Quietschen der Scharniere, als sie behutsam das Kästchen öffnete. Von weitem schrie sie mir hinterher: „Da ist ja gar nichts drin. Das entspricht nicht den Regeln. Komm zurück.“, aber ich lief weiter und rief nur laut: „Du musst genau hinschauen. Da ist die Gegenwart drin. Sie ist aber sehr flüchtig. Flüchtiger alswie (ich bin Hesse, ich sage immer alswie, wir können das nicht unterscheiden) Vergangenheit oder Zukunft. Du kannst sie nicht festhalten, solltest aber den Moment genießen, bevor sie entschwindet.“

So endete meine Reise nach Tasmanien und noch immer bleibt sie mit einem Lächeln in meiner Erinnerung.

 

Das Foto unterliegt meinem Urheberrecht und wurde im Dezember 2015 im Cradle Mountain in Tasmanien aufgenommen. Eine Verfielfältigung oder Nutzung ohne schriftliche Genehmigung meinerseits zieht rechtliche Konsequenzen nach sich.

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11 Gedanken zu “Außer Konkurrenz – eine Kurzgeschichte

    1. Viele lieben Dank, Ruth, für den Kommentar. Eine Geschichte zu kreiren ist schwieriger, als ich dachte. Umso mehr bewundere ich deine Tochter, der das scheinbar so locker von der Hand geht.

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  1. liebe liane…wow wow wow..ich finde du hast wunderbare fähigkeiten geschichten zu schreiben. du scheinst sehr kreativ zu sein und dir kommen so viele wunderbare ideen in den kopf..danke dass du es auf unseren blog veröffentlicht hast:) und das bild ist auch zauberhaft.
    liebe grüße
    lisa

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  2. das freut mich ganz besonders, dass jemand außer konkurrenz mitmacht. spricht für die idee, was dein ergebnis ja auch mehr als deutlich macht! hat mir gut gefallen. du wärst sicher eine kandidatin für die engere auswahl gewesen!

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  3. So einfach geht mir das nicht von der Hand. Die Ideen sprudeln zwar wie ein Wasserfall, aber die Umsetzung ist harte Arbeit. Schreiben ist Handwerk und du hast das sehr gut gemacht. Mit Vorgaben tue ich mich echt schwer. Meine letzte Geschichte mit Vorgabe wird im Dezember veröffentlicht, aber mit diesen Angaben hier, hätte ich wahnsinnige Schwierigkeiten gehabt. Daher: Hut ab!

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    1. Ich fand das gerade wegen der Vorgaben hilfreich. Ich verzettel mich sonst immer so. Deshalb sind alle vorherigen Versuche letztlich im Papierkorb gelandet.
      Aber du schreibst so wundervolle Geschichten (meine liebste ist Rosaroter Dampf) und dein DASTAN ist toll.

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  4. Hat dies auf ventilierpartikel rebloggt und kommentierte:
    Dies war mein erster Versuch, eine Kurzgeschichte zu schreiben. Die habe ich auf dem Blog lebenslichtpfade.wordpress.com veröffentlicht. Meine zweite Kurzgeschichte ist der Zensur zum Opfer gefallen (FSK 18) und wird evtl eines Tages überarbeitet und die dritte Geschichte haben viele gelesen: Der Bücherwurm und die Buchstabenallergie.
    Mal sehen, ob ich dran bleibe und weiter mache. Spaß macht es, aber es kostet auch neben viel Zeit unheimlich viele Gehirnwindungen 🙂

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